News der Gemeindediakonie


Zehn Jahre Gesundheitsmobil - Lebendige Diskussion „Gemeinsam gegen Armut“

29.09.2017

Prof. Dr. Trabert: PlĂ€doyer fĂŒr mehr soziale Gerechtigkeit

Sabine Gritzka und Thomas MĂŒller vom Gesundheitsmobil LĂŒbeck erklĂ€rten Moderator Thomas Waldner (Mitte) die vielfĂ€ltigen GrĂŒnde, die zu Armut fĂŒhren können.

Thomas Waldner im GesprÀch mit Pastorin Dörte Eitel, Senator Schindler und Hans-Martin Grusnick (v. l.).

Machte sich fĂŒr soziale Gerechtigkeit stark: der Sozialmediziner Prof. Dr. Gerhard Trabert.

Dr. Dietrich und Hannelore Schröter wurden nach zehn Jahren ehrenamtlicher TĂ€tgkeit fĂŒr das Gesundheitsmobil verabschiedet.

Bei der JubilÀumsfeier zu Gast war unter anderem die VorgÀngerin von Sabine Gritzka als Leiterin des Gesundheitsmobils, Melanie ReichenbÀcher. Fotos: Malte Schierenberg/JUH (4), Oda Rose-Oertel, Gemeindediakonie

10 Jahre Gesundheitsmobil LĂŒbeck: Das wurde jetzt in den media docks gefeiert. Zugleich gingen PodiumsgĂ€ste aus Politik, Medizin, Diakonie und Wohlfahrt der Frage nach, warum das Projekt der Gemeindediakonie und der Johanniter-Unfall-Hilfe so dringend gebraucht wird und wie sich Armut auf Dauer bekĂ€mpfen lĂ€sst.

„Ich wĂŒrde mir wĂŒnschen, dass wir das Gesundheitsmobil irgendwann nicht mehr brauchen.“ LĂŒbecks Sozialsenator Sven Schindler fasste mit diesem Satz das zentrale Anliegen des Abends, „Gemeinsam gegen Armut“, zusammen. Neben ihm diskutierten im Rahmen der GesprĂ€chsreihe dialog@diakonie, moderiert vom Journalisten und PR-Experten Thomas Waldner, der Mainzer Arzt und SozialpĂ€dagoge Prof. Dr. Gerhard Trabert, GrĂŒnder des deutschlandweit ersten „Arztmobils“, Heike Raddatz-Kossak von der Vorwerker Diakonie, Hans-Martin Grusnick von der Johanniter-Unfall-Hilfe, Pastorin Dörte Eitel als GeschĂ€ftsfĂŒhrerin der Gemeindediakonie sowie Sabine Gritzka und Thomas MĂŒller vom Gesundheitsmobil.

Mindestens 35.000 Menschen in LĂŒbeck erhalten soziale Mindestleistungen (so die letzten Erhebungen der Hansestadt), die Altersarmut steigt rapide an, ebenso die Wohnungslosigkeit: eine Statistik, die allen Beteiligten Sorge macht. Senator Schindler setzte noch nach: „Rund 30 Prozent aller Kinder wachsen in so genannten Bedarfsgemeinschaften auf“ - also in Familien die soziale Leistungen erhalten. „Das sind zu viele“, so Schindler. Und obwohl die Arbeitslosenzahl gesunken sei und es gerade fĂŒr Kinder und Jugendliche zahlreiche Maßnahmen gebe: „Am Ende reicht es nicht.“

Welche Auswirkungen Armut hat, zeigte eindrucksvoll der Kurzfilm „Wohnort Nirgendwo“ der Vorwerker Diakonie, in der drei wohnungslose Menschen anonym ihre Situation schildern. Zu diesem Thema nahm Heike Raddatz-Kossak ausfĂŒhrlich Stellung. Bernd Wienicke schilderte lebhaft den Alltag der ehrenamtlichen Helfer bei der LĂŒbecker Tafel, die wöchentlich rund 2.300 bedĂŒrftige an sieben Lebensmittel-Ausgabestellen versorgt. An einigen der Ausgabestellen macht das Gesundheitsmobil regelmĂ€ĂŸig Halt, ebenso wie an einem Obdachlosenheim.

Wie vielfĂ€ltig die GrĂŒnde fĂŒr Armut sind, machten Sabine Gritzka und Thomas MĂŒller deutlich. Bevor Menschen ihre Alltagskompetenzen verlieren und nicht mehr zum Arzt gehen, haben sie nicht selten ein ‚normales‘ Leben gefĂŒhrt. Persönliche Schicksale, Erkrankungen und systembedingte Ursachen kommen hier zusammen. Prof. Dr. Trabert ging noch weiter: Es gebe eine „strukturelle Ausgrenzung von Menschen“. Das fange schon damit an, wie ĂŒber sie geredet werde. Trabert: „Die sogenannten ,sozial Schwachen‘ sind nicht schwach.“ Jeder verdiene es, wertschĂ€tzend und wĂŒrdevoll behandelt zu werden. Man mĂŒsse zu den Menschen hingehen, so wie das Gesundheitsmobil dies eben auch praktiziere. „So bekommen die Menschen wieder mehr SelbstwertgefĂŒhl“, so Trabert. Auch strukturell mĂŒsse sich vieles Ă€ndern, forderte er, etwa der Hartz IV-Satz. Die Politik mĂŒsse endlich soziale Gerechtigkeit verwirklichen. FĂŒr sein leidenschaftliches PlĂ€doyer erhielt Prof. Dr. Trabert immer wieder Applaus.

Am Ende des Abends stand erneut die Frage, ob man das JubilĂ€um des Gesundheitsmobils denn ĂŒberhaupt ein Grund zum Feiern sei. Diese Fragen bejahten die beiden TrĂ€ger der Einrichtung, die Gemeindediakonie LĂŒbeck und die Johanniter-Unfall-Hilfe: „Es ist ein Grund zur Freude, dass das Gesundheitsmobil zehn Jahre – allein durch Stiftungsgelder und Spenden finanziert – Menschen helfen kann“, sagte Dörte Eitel. „Und diese Hilfe ist möglich, weil zahlreiche Menschen ehrenamtlich fĂŒr das Gesundheitsmobil arbeiten“. Gemeinsam appellierten Eitel und Hans-Martin Grusnik jedoch gleichzeitig an die Hansestadt: „Wir starten 2018 in eine neue Förderphase. Noch ist die Finanzierung fĂŒr das Gesundheitsmobil nicht gesichert. Mittelfristig wĂŒrden wir uns sehr freuen, wenn das Mobil den Projektstatus verliert und zu einer festen Einrichtung im Gesundheitssystem wird.“ Denn dass das Gesundheitsmobil in zehn Jahren tatsĂ€chlich ĂŒberflĂŒssig sein wird, daran zweifelten sowohl die Podiumsteilnehmer als auch die rund 100 GĂ€ste an diesem Abend.

Das Gesundheitsmobil ist ein umgebauter Mercedes Sprinter, der als rollender Behandlungsraum wöchentlich zehn Haltestellen in LĂŒbeck anfĂ€hrt. Mit zwei hauptamtlichen Mitarbeitenden sowie einem ehrenamtlichen Mediziner- und Fahrerteam bietet es kostenlose medizinische Versorgung und psychosoziale Beratung fĂŒr sozial benachteiligte Menschen in LĂŒbeck an. Das Projekt wird aus Eigenmitteln der TrĂ€ger und aus Spenden finanziert. Seit 2013 gibt es ergĂ€nzend auch die Gesundheitsstation im Haus der Diakonie.  

Kontakt: Sabine Gritzka, Projektleiterin, Tel. 0451 58010-23 (9 – 11.30 Uhr)
E-mail: gritzka@gemeindediakonie-luebeck.de

Infos: www.gesundheitsmobil.org

Kontakt: Gesundheitsmobil LĂŒbeck, Sabine Gritzka, Tel. (0451)580 10 23;
gritzka@gemeindediakonie-luebeck.de