News der Gemeindediakonie


FLOW-Sommergespräch mit Geflüchteten, Mentoren sowie Partnern und Förderern

11.08.2017

Projekt für junge Geflüchtete bewegt Lübeck

Tauschten sich aus über den aktuellen Stand im Projekt FLOW (v.l.): Michaela Wilske und Max Schön von der Possehl-Stiftung, Axel Prüser und Mohammad Alshorbaji als FLOW-Tandem sowie Cornelia Bauke und Gabriele Sester von FLOW.

Seit Januar 2017 bildet Mohammad Alshorbji gemeinsam mit Imke und Axel Prüser ein sogenanntes „FLOW-Tandem“.  Der 21-Jährige Syrer kam als Geflüchteter Ende 2015 nach Deutschland. Zunächst in Brandenburg untergebracht, besuchte er im Herbst 2016 einen Freund in der Nähe von Lübeck. Hier erfuhr Mohammad vom Projekt „FLOW – Für Flüchtlinge! Orientierung und Willkommenskultur“ und lernte Familie Prüser kennen.

 „Wir haben uns auf Anhieb gut verstanden“, berichtet die Lübecker Familie. Mit viel Glück fanden sie eine kleine Wohnung direkt gegenüber ihres eigenen Zuhauses, und so durfte Mohammad im Februar diesen Jahres nach Lübeck ziehen. Zurzeit absolviert er ein Vorbereitungsjahr für die Fachhochschule, gleichzeitig hat Mohammad sich einen 450-Euro-Job in einer Bäckerei gesucht. Der junge Syrer hat ein klares Ziel: Er will Maschinenbau studieren. Imke und Axel Prüser sind sicher, dass er das schafft: „Mohammad ist sehr ehrgeizig. Wir unterstützen ihn auf seinem Weg, aber vor allem haben wir alle viel Spaß und Freude an gemeinsamen Gesprächen und Unternehmungen.“

„Das Mentoring-Programm ist das Herzstück von FLOW“, erklärt Projektleiterin Gabriele Sester. „Wie bei Familie Prüser und Mohammad bilden hier jeweils ein oder mehrere Ehrenamtliche und ein Geflüchteter ein so genanntes ‚Tandem‘, um gemeinsam die verschiedensten Hürden bei der Neuorientierung und Integration zu überwinden.“ Jedes Tandem definiert dabei selbst, wohin die Reise geht. „Hilfe beim Erlernen der Sprache, gemeinsame Freizeitaktivitäten, die Suche nach einer eigenen Wohnung oder nach einem Praktikumsplatz – die Anliegen der jungen Geflüchteten sind sehr unterschiedlich. Wir versuchen immer die möglichst passenden Mentoren zu finden“, erläutert Sester.

Weitere Ehrenamtliche gesucht
Fast 100 Tandems hat FLOW seit dem Projektstart im März 2015 schon auf den Weg gebraucht. „Es ist eine richtige ‚FLOW-Familie‘ in Lübeck entstanden“, berichtet Sester stolz.  „Trotzdem suchen wir weitere Ehrenamtliche, die Lust haben, sich bei FLOW zu engagieren“, erklärt die Projektleiterin. „Nicht nur für die Tandems, auch bei den vielen Freizeitaktivitäten funktioniert es nur durch tolle Unterstützung und Kooperationen mit unseren Ehrenamtlichen und Projektpartnern.“

Auch eine eigene Kurzfilm-Reihe über das Mentoringprogramm von FLOW gibt es bereits: „GET INTO THE FLOW“ lautet der Titel, unter dem der Berliner Filmemacher Tim Hamelberg insgesamt acht Tandems portraitierte. „Es sind ganz unterschiedliche Geschichten vom Suchen, Kennenlernen und Ankommen, von Verzweiflung, Hoffnung und Glück“, schwärmt das FLOW-Team.

Die Liste der in den ersten zwei Projektjahren bereits durch FLOW realisierten Aktivitäten liest sich lang und vielfältig: Neben einer großen Filmpremiere zu „GET INTO THE FLOW“  organisierte das Projekt z.B. auch eine Finissage im Günter Grass-Haus zum Thema ‚Flucht‘ mit anschließender rauschender Clubnacht. Ein- bis zweimal jährlich werden große Fußballturniere ausgespielt und das wöchentlich stattfindende ‚Musikcafé International‘ in Kooperation mit Tontalente e.V. kann sich vor Auftrittsanfragen kaum retten. „Eine gemeinsam mit dem adfc angebotene Fahrradrallye im Rahmen des letzten Interkulturellen Sommers gewann sogar den 1. Preis der Bürgerakademie“, berichtet Sester von einer weiteren erfolgreichen Aktion.
Eine Gruppe junger Geflüchteter ging auf „Berufs-Erkundungsfahrt“ durch Schleswig-Holstein, die Schleswig-Holsteinische Finanzministerin Monika Heinold stattete dem Projekt einen Besuch ab, und zwei FLOW-Teams erliefen sich beim Hansemarathon hervorragende Plätze im oberen Viertel. „Und das sind nur ausgewählte Highlights“, betont Sester.

Vielfältiges Angebot von Sport und Kulturaktivitäten
Auch regelmäßige Sport- und Kulturangebote werden von den jungen Geflüchteten sehr gut angenommen: „Oft bieten unsere Angebote die einzige Möglichkeit für die jungen Leute, kostenlos an Gruppenaktivitäten teilzunehmen“, erklärt Sester. „Außerdem sind die Aktivitäten eine gute Gelegenheit, die traumatischen Erlebnisse der Flucht ein wenig hinter sich zu lassen und vielleicht ein neues Hobby zu finden.“ Wöchentliche Fußball- oder Lauftrainings finden somit hohen Zuspruch. Aber auch Tischkickern, Bowling, Klettern, Filmabende oder Kanutouren sind sehr beliebt. „Ebenso wichtig wie die eigentliche Aktivität ist die Chance, den oft zähen Alltag aufzubrechen, die Enge der Gemeinschaftsunterkunft für ein paar Stunden zu verlassen und Freunde zu treffen“, so Sester.

FLOW hat sich darüber hinaus auf die Fahnen geschrieben, möglichst kurzfristig auf aktuelle Themen und Anfragen zu reagieren: Nachdem im vergangenen Sommer einige Geflüchtete in Lübeck und Deutschland ertrunken waren, konzipierte FLOW sogenannte „Gewässerkunde-Spaziergänge“ um auf die Gefahren, aber auch die Nutzungsmöglichkeiten der Gewässer in Lübeck und Umgebung hinzuweisen. Stets ausgebucht sind auch die Schwimmkurse, die FLOW in Kooperation mit dem Lübecker SC Delphin anbietet. In diesem Sommer lädt das Projekt darüber hinaus mit den Lübecker Bäderbetrieben zu sogenannten „Swim & Dance“-Nachmittagen in die Freibäder ein.

Schulungen und interkulturelle Trainings
Als wichtige Säule bei FLOW haben sich die Fortbildungen für Menschen, die mit Geflüchteten arbeiten, entwickelt. Hier bietet das Projekt gezielte Seminare für Ehrenamtliche und Hauptamtliche an. „Wir haben beispielsweise Lehr- und Betreuungskräfte von DAZ-Klassen zum Thema ‚Umgang mit traumatisierten Kindern‘ geschult“, berichtet Sester. „Mitarbeitende bei den Gerichten haben ebenfalls zunehmend mit Geflüchteten zu tun – als Täter, Opfer oder Zeugen. Auch hier konnten wir mit gezielten Schulungen unterstützen“, nennt Sester eine weitere Zielgruppe.

Das hauptamtliche Team hat sich gut zwei Jahre nach dem Start von FLOW neu aufgestellt: Die Projektleitung liegt bei Gabriele Sester, die für die Koordination, Netzwerkarbeit und Evaluierung von FLOW verantwortlich ist. Jana Schmitz ist neu im Team und kümmert sich um das Mentoringprogramm. Weiterhin ist sie für das Netzwerk für Psychotherapie und Traumabehandlung von FLOW zuständig. Ebenfalls neu dabei ist Cosima Bredereck als Projektmanagerin. Sie koordiniert die Freizeit-, Sport und Kulturaktivitäten, die Orientierungskurse sowie alle weiteren Fortbildungen und Veranstaltungen. „Zunehmend werden wir bei unseren Aktivitäten auch von Geflüchteten unterstützt“, berichtet Sester von einer weiteren Besonderheit von FLOW. „Es war von Anfang an unsere Idee, Geflüchtete, z.B. als Experten, Referenten oder Begleitung bei Freizeitaktivitäten mit einzubeziehen. Wir machen FLOW nicht für, sondern mit Geflüchteten.“

Projektfinanzierung
Finanziert wird das Projekt maßgeblich durch die Lübecker Possehl-Stiftung. Zum 1. März 2017 startete FLOW in die zweite Förderphase, hierfür stellte die Stiftung erneut 345.000 Euro zur Verfügung. Damit unterstützt die Possehl-Stiftung das Projekt über einen Zeitraum von vier Jahren mit insgesamt 645.000 Euro. Aber auch zahlreiche weitere Lübecker Bürgerinnen und Bürger sowie private und öffentliche Einrichtungen spenden immer wieder für das Projekt. „Wir sind der Possehl-Stiftung ebenso wie allen anderen Spendern sehr dankbar, dass sie unser Projekt so großzügig mittragen“, dankt Sester allen Unterstützern. „Die Spendenbereitschaft, das Engagement der vielen Ehrenamtlichen, vor allem aber die vielen kleinen und großen Erfolgserlebnisse der Geflüchteten, zeigen uns täglich, dass von gelungener Integration alle profitieren – die Geflüchteten ebenso wie die Lübeckerinnen und Lübecker.“

Weitere Informationen zum Projekt FLOW finden Sie unter www.projekt-flow.de

Kontakt FLOW:
Gabriele Sester, Projektleitung, Tel. (0451) 613 201-509,
E-Mail: sester@gemeindediakonie-luebeck.de